Dynamisch und explosiv: Margot Robbie und Allison Janney in I, TONYA (Kinostart: 22.03.2018 / DCM)

by Pierre Wilke

 

 

Dynamisch und explosiv:

  Margot Robbie und Allison Janney in

I, TONYA

 

Regie: Craig Gillespie

 Mit Margot Robbie, Sebastian Stan, Allison Janney u.a.

Kinostart: 22. März 2018 im Verleih von DCM

Mit dem Gewinn der US-Meisterschaft im Eiskunstlauf hatte sich Tonya Harding 1991 an die Spitze des amerikanischen Sports gekämpft und weltweiten Ruhm erlangt. Doch nur drei Jahre später stand sie im Mittelpunkt eines der größten Skandals der Sportgeschichte: dem Attentat auf ihre Erzrivalin Nancy Kerrigan. Mit viel schwarzem Humor erzählt I, TONYA diese unglaubliche, aber wahre Geschichte. Doch wer war Tonya Harding damals wirklich? Welcher Charakter verbarg sich hinter ihrer Mutter LaVona, die sie schon als Dreijährige zu Höchstleistungen trieb? Und wie nähert man sich künstlerisch solch umstrittenen und zwiespältigen Persönlichkeiten?

Margot Robbie und Allison Janney nahmen sich diesen Herausforderungen an. Robbie wurde für ihre mitreißende Rolle als Tonya Harding für den Golden Globe® und den Oscar® als beste Hauptdarstellerin nominiert. Allison Janney gewann für ihre Verkörperung der eiskalten Mutter LaVona Harding sogar beide Trophäen in der Kategorie ‚Beste Nebendarstellerin‘! Genug Gründe, einen Blick auf die akribische Vorbereitung der beiden großartigen Schauspielerinnen und ihre Herangehensweise an ihre Rollen zu werfen.

 

 

Tonya Harding, my star. God only knows what you are. – Sufjan Stevens

Tonya Harding war in jeder Hinsicht ein höchst ungewöhnlicher Star in der Welt des Eiskunstlaufs, einer Sportart, die ihre Sportlerinnen gerne als „Prinzessinnen auf dem Eis“ inszeniert. 1970 in Portland, Oregon geboren, wuchs Tonya in armen Verhältnissen unter ihrer abusiven, alkoholkranken Mutter LaVona auf. Wegen ihrer burschikosen Art wurde sie als Kind oft angefeindet und das Eis schon recht früh zu ihrer Zuflucht – und zu einem Ort, an dem sie mit ihrer starken, athletischen und angriffslustigen Technik auftrumpfen konnte. Ihre aggressiv anmutenden Auftritte in selbstgenähten Kostümen zu Heavy Metal brachten ihr den Spitznamen „Eishexe“ ein.

Margot Robbies Verwandlung in Tonya Harding

Für den facettenreichen Film übernahm Margot Robbie nicht nur die Hauptrolle, sondern war mit ihrer Firma LuckyChap auch an der Produktion beteiligt. Das Skript machte in Hollywood bereits die Runde und landete 2016 auf der berühmten „Black List”, der Liste der besten bisher nicht adaptierten Drehbücher. So wurde LuckyChap auf das Buch aufmerksam, denn es enthielt eine Paraderolle für den gefragten Star und passte ins Konzept, Filme mit starken weiblichen Figuren zu produzieren.

Die 1990 geborene australische Schauspielerin Margot Robbie wuchs zunächst, wie Tonya Harding, ebenfalls bei einer alleinerziehenden Mutter auf. Und so wie Harding bereits mit 15 Jahren an Meisterschaften teilnahm, zog Robbie für ihre Schauspielkarriere mit 17 Jahren aus dem australischen Hinterland nach Melbourne. Sie hatte noch nie von dem Skandal gehört und glaubte anfangs sogar, dass es sich um eine fiktive Geschichte handelte: „Als ich das Drehbuch zum ersten Mal las, bewunderte ich die Kreativität des Autors, sich die Geschichte dieser verrückten Figur auszudenken.” Fasziniert begann Robbie, sich ihrer Rolle als Tonya Harding auf dem Höhepunkt ihrer Karriere in den späten 80ern und frühen 90ern anzunähern. Sie sah sich zahllose YouTube- und ESPN-Videos an, stellte umfassende Recherchen über den bestens dokumentierten „Vorfall” an und rekonstruierte weitest möglich Hardings schwere Kindheit und Jugend. Insbesondere eine Mitte der 80er entstandene Doku einer Filmstudentin über die damals aufstrebende Tonya Harding erwies sich als wahre Goldgrube. So könnt Robbie auch Tonya Hardings Entwicklung als junge Erwachsene und Eiskunstlauf-Profi genau studieren.

 

 

Robbie hatte als Jugendliche Eishockey gespielt, aber keinerlei Erfahrung mit Eiskunstlauf. Sich auf dem Eis auf dem Niveau von Tonya Harding zu bewegen, erwies sich als schier unmögliche Herausforderung. „Erst als wir uns auf die Suche nach unseren Stuntdoubles begaben, wurde mir klar, zu welchen herausragenden Leistungen Tonya imstande gewesen war”, erzählt Robbie. „Der Sport hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten weiterentwickelt, aber der Dreifach-Axel ist nach wie vor dieses verrückte Kunststück, das nur sehr wenige Menschen vollführen können.“

Wut als Antrieb

Zusammen mit Regisseur Gillespie traf sie sich in Portland sogar mit der mittlerweile 44-jährigen Harding. „Ich war sehr gespannt darauf, wusste aber, dass es nicht meinen Erwartungen entsprechen würde”, erzählt Robbie. “Sie ist eine taffe Frau, die sehr viel einstecken musste. Eine echte Sportlerin, die sich aller Widrigkeiten zum Trotz nach oben gekämpft hatte. Die Tatsache, dass sie es angesichts ihrer Kindheit und Jugend so weit geschafft hat, ist wirklich erstaunlich.”

Hier spricht Robbie einen entscheidenden Aspekt für die Persönlichkeitsentwicklung von Tonya Harding an: ihre von physischer und psychischer Gewalt geprägt Kindheit und Jugend, insbesondere die explosive Beziehung mit ihrer Mutter LaVona. „Um das Verhalten einer Person als erwachsener Mensch besser verstehen zu können ist es äußerst hilfreich zu wissen, was ihr in ihrer Kindheit widerfahren ist”, erläutert Robbie.

 

 

„Zu Beginn denkt man, man sehe einen Film über diesen berühmt-berüchtigten Vorfall“, ergänzt Allison Janney, „tatsächlich geht es aber um das Leben einer jungen Frau und in welchen Verhältnissen sie aufgewachsen ist.“ Über ihre Figur sagt sie: „LaVona erzog Tonya mit eiserner Faust und mit dem Wissen, dass ihre Tochter bessere Leistungen auf dem Eis ablieferte, wenn sie wütend war. Sie manipulierte sie, um sie zu Höchstleistungen zu treiben. Aus ihrer eigenen Sicht war sie eine gute Mutter“. Und so erzählt I, TONYA eben auch eine tiefgründige Mutter-Tochter-Beziehung mit einer vielschichtigen, psychologischen Dynamik.

Allison Janneys Verwandlung in LaVona Harding

Janney portraitiert Tonyas Mutter mit einer unerschütterlichen Furchtlosigkeit. Und ihr dabei zuzusehen ist nicht einfach. Ihre Figur schlägt, beleidigt und degradiert ihre Tochter, verbietet ihr Freundschaften und zwingt das kleine Mädchen, bis zur Erschöpfung zu trainieren. Eine ganz ungewohnte Rolle für Janney, die man sonst für ihre warmherzigen Charaktere kennt. Als Kind träumte die junge Allison, die 1959 in Boston geboren wurde und in Ohio aufwuchs, von einer Karriere im Eiskunstlauf. Sie wollte eines Tages bei den Olympischen Spielen antreten. Doch im Alter von 17 Jahren hatte Janney einen Unfall mit einer Glasscheibe, bei dem mehrere Sehnen durchtrennt wurden und sie viel Blut verlor. Sie musste ihren Traum begraben und wandte sich der Schauspielerei zu. Mit I, TONYA konnte Janney letztendlich doch zurückkehren aufs Eis – wenn auch nicht selbst als Olympia-Star. „Ich habe dem Eiskunstlauf den Rücken zugekehrt, aber nie aus meinem Herzen verbannt.“, so Janney. „Daher wusste ich natürlich, wer Tonya und Nancy waren. Diese Geschichte und ihren Verlauf werde ich niemals vergessen.“

Ein Glück für Drehbuchautor Steve Rogers: der nämlich schrieb das Drehbuch stets mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass LaVona Harding von Allison Janney verkörpert werden sollte – und machte diese Casting-Entscheidung zu einer der Bedingungen beim Verkauf des Drehbuchs. Die Rolle, die Janney später ihre erste Oscar-Auszeichnung einbringen sollte, kam also aus ihrem engsten Freundeskreis.

 

 

Anders als im Fall von Tonya Harding, gab es nicht so viele Videoaufnahmen ihrer Mutter aus den 1980er und 1990er-Jahren, an denen sich Janney orientieren konnte. Der Versuch, gemeinsam mit Rogers ein Treffen mit LaVona zu arrangieren, blieb ohne Erfolg. Also griff auch Janney zum Großteil auf die Dokumentation aus den 80ern zurück, um LaVonas komplexe und grimmige Persönlichkeit zu studieren. „Allein, dass ich sehen konnte, wie Tonya mit ihrer Mutter telefoniert hat. Man konnte nicht hören, was LaVona gesagt hat. Aber Tonyas Reaktionen auf ihre Mutter haben mir dabei geholfen, meine Rolle zu formen.”

„Ich war mir nicht sicher, ob es möglich wäre, LaVona nicht als Monster darzustellen“, erläutert Janney, die hinter der grausamen Fassade ihrer Figur auch eine Art liebevolle Strenge erkannte. „LaVona wusste, wie sie ihre Tochter motivieren konnte, indem sie sie demütigte. Ich denke, darin ist etwas Menschliches in ihren Taten ersichtlich. Sie wollte, dass es ihre Tochter einmal besser haben wird und sah, wie diese sich selbst bei jeder Gelegenheit selbst Steine in den Weg legte.“

„Ich kannte es nicht anders“

In gewisser Weise sind die Beziehungen der jungen Tonya Harding von Missbrauch und Gewalt geprägt. I, TONYA zeichnet eindrucksvoll den Kreislauf häuslicher Gewalt nach. Tonya war Gewalt von ihrer Mutter gewohnt, und bei ihrem Partner Jeff zog sich das nahtlos fort. Diesen Übergang der Gewalt greift I, TONYA an mehreren Stellen auf, beispielsweise in einer Szene, in der sich Tonya nach Schlägen ihres Ehemanns an uns Zuschauer richtet und sagt: „Meine Mom schlägt mich. Sie liebt mich. Und ich dachte, es wäre meine Schuld. Ich kannte es nicht anders.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.