„Etwas Abstrus-Absurdes“: Oskar Roehler über „HERRliche Zeiten“ (Kinostart: 03.05.2018 / Concorde Filmverleih)

by Pierre Wilke

 

 

„Da öffnet sich die Tür in etwas Abstrus-Absurdes“

Regisseur Oskar Roehler über HERRliche Zeiten

 

Regie: Oskar Roehler

Mit: Katja Riemann, Oliver Masucci, Samuel Finzi,
Lize Feryn, Andrea Sawatzki, Yasin El Harrouk, Margarita Broich u.v.a.

Kinostart: 3. Mai 2018 im Concorde Filmverleih

Die Ausgangslage von HERRliche Zeiten ist ebenso banal wie entlarvend. Ein Mann, auf der Suche nach einer neuen Haushaltshilfe für sein gepflegtes Anwesen, gibt eine Anzeige auf mit der Überschrift „Sklave/in gesucht“. Der Witz eines Wohlstandsbürgers. Ein zynischer Witz. Einer, der doch die im sorglosen Wohlstand Lebenden dazu zwingt, Stellung zu beziehen. Mit fatalen Folgen. Für solch provokanten Stoff, zum großen Teil wie ein Kammerspiel inszeniert, erfordert zum einen Hauptdarsteller allererster Güte, wie Katja Riemann, Oliver Masucci und Samuel Finzi. Zum anderen braucht es einen Regisseur, der es versteht, so eine Geschichte auch mit dem nötigen Biss zu inszenieren – den unkonventionellen Oskar Roehler.

Anfang der 1980er Jahre war Roehler zunächst als Schriftsteller tätig und schrieb danach u.a. Drehbücher für Christoph Schlingensief und Niklaus Schilling. 2000 schaffte er mit „Die Unberührbare“ über das Leben seiner Mutter, der Schriftstellerin Gisela Elsner, seinen endgültigen Durchbruch als Filmemacher und erhielt neben vielen Preisen auch den Deutschen Filmpreis in Gold.

Für HERRliche Zeiten musste Oskar Roehler jedoch gar nicht erst gefunden werden, denn es war von Anfang an sein Projekt: „Ich habe mich bereits im Jahr 2011 dafür entschieden. Im Fernsehen tauchen deine ganzen Ahnungen und Befürchtungen in Bildschirmgröße auf, aber was passiert, wenn der Krieg, wenn der Hunger, wenn Armut, vielleicht auch die Gier, wenn das, was jenseits des zivilisierten Lebens stattfindet, plötzlich vor deiner Haustür steht?“, so Roehler, der auch großes Lob bekam für „Der Alte Affe Angst“ (2003) und „Agnes und seine Brüder“ (2004 – mit Katja Riemann), der mit dem Bayerischen Filmpreis für das beste Drehbuch ausgezeichnet wurde. „Ich versuche als Filmemacher meinem Publikum die Möglichkeit zu geben, sich in den Figuren wiederzufinden – in ihren Ängsten und Befürchtungen aber auch in ihrem Anspruchsdenken.“

 

Oskar_Roehler_(c)Nadine_Fraczkowski

 

Schnell fand er mit Jutta Müller und ihrer Kölner Firma Molina Film, eine Produzentin, die genauso begeistert von dem Stoff war. Roehler war für sie der perfekte Regisseur: „Er hat eine eigene unverkennbare Handschrift, die in all seinen Filmen zu finden ist. Er denkt groß, er denkt fürs Kino.“ Ein Denkansatz, der bereits auch mehrfach anerkannt wurde. So gehört zu Roehlers größten kommerziellen Erfolgen auch die von Bernd Eichinger produzierte Verfilmung von Michael Houellebecqs „Elementarteilchen“ (2006), die Moritz Bleibtreu bei der Berlinale den Preis als bester Hauptdarsteller einbrachte. Premiere auf der Berlinale feierte auch „Jud Süss – Film ohne Gewissen“ (2010), der die Entstehung des berüchtigten Nazi-Propaganda-Films nachzeichnete.

Für das Drehbuch fanden Roehler und seine Produzentin den idealen Partner in dem renommierten Autor Jan Berger, der nicht lange zögerte und noch vor Vertragsabschluss eine erste Fassung vorlegte. „Ein Glücksfall“, sagt Jutta Müller, „eine Parabel auf unsere Gesellschaft. Komisch und böse, bizarr und tragisch stellt sich HERRliche Zeiten die universelle Frage, wie dünn der Firniss ist, der die Zivilisation von der Barbarei trennt. Und die Antwort fällt für die Zivilisation nicht unbedingt freundlich aus.“

HERRliche Zeiten erzählt diese brisante Geschichte als Satire. Wäre für Oskar Roehler auch eine andere Form in Frage gekommen? „Auf jeden Fall nicht ein politisches Sozialdrama. Die sind bitterernst und behandeln Themen, die ich hundert Mal in irgendwelchen Dokus gesehen habe“, entgegnet der Regisseur. „Wir wollen die Leute unterhalten, wir wollen schmunzeln und lachen, vor allem über uns selbst. Der Film bietet eine intelligente, witzige, ironische Betrachtung über uns alle, die wir nicht wollen, dass die Welt da draußen auch nur ein Stück an uns rankommt. Gleichzeitig zeigt er eine politische Projektion: Die Protagonisten haben Haussklaven, denn eigentlich halten sie sich für etwas Besseres und glauben, das verdient zu haben. Man kann dann genau studieren, wie sich der eine oder andere in diesem Kraftfeld psychologisch entwickelt.“

 

HERRliche_Zeiten_Premierenbild_(c)Concorde_Raphael_St+Âtzel

 

Mit diesen Merkmalen will Roehler sein Werk bewusst aus der übrigen deutschen Filmlandschaft abheben: „Deutsche Filme sind so vorsichtig, weil sie einer spröden Realität verhaftet sind. Es geht eben nicht darum, eine Realität, sondern eine Möglichkeit abzubilden: Was kannst du deinem Helden zumuten oder wohin kannst du ihn treiben? Da öffnet sich die Tür in etwas Abstrus-Absurdes, was sich als einzige Lösung darstellt. Daran haben wir uns orientiert.“

Zuletzt verfilmte Roehler mit „Quellen des Lebens“ (2013) seinen autobiographischen Roman „Herkunft“ aus dem Jahr 2011, in dem er gleichzeitig die Geschichte der Bundesrepublik bis Anfang der 1970er reflektierte. Von seiner persönlichen Vita inspiriert war auch sein folgender Film „Tod den Hippies!! Es lebe der Punk“ (2015), bei dem er bereits mit Samuel Finzi drehte. Von den Hauptdarstellern von HERRliche Zeiten war ihm somit nur Oliver Masucci bislang noch fremd. Aber auch diese beiden planen schon eine weitere Zusammenarbeit.

Danach gefragt, ob sich die Filmprämisse von HERRliche Zeiten auch auf seine Arbeit als Regisseur niedergeschlagen hat, antwortet Oskar Roehler: „Ich hasse es, Diktator zu sein und mich durchsetzen zu müssen. Deshalb versuche ich mir immer, die besten Mitarbeiter zu holen – denen ich vertraue und mit denen ich schon gearbeitet habe. Und das hat bei diesem Film fantastisch funktioniert.“

Die Vorzeichen stehen also gut, HERRliche Zeiten brechen an – ab 03. Mai im Kino!

 

 

Gut situiert und etwas gelangweilt leben die Gartenarchitektin Evi Müller-Todt (Katja Riemann) und ihr Mann Claus (Oliver Masucci), ein Schönheitschirurg, in ihrer gepflegten Villa. Auf der Suche nach einer neuen Haushaltshilfe, schaltet Claus in bester Rotweinlaune eine Anzeige: „Sklave/in gesucht“. Nicht wenig erstaunt über die Ansammlung kuriosester Gestalten in Lack und Leder vor ihrer Haustür, muss Claus feststellen, dass seine Anzeige allzu wörtlich genommen worden ist. Auf Wunsch der schockierten Evi schickt er alle wieder nach Hause. Doch dann stehen plötzlich Bartos (Samuel Finzi) und seine Frau Lana (Lize Feryn) vor der Tür. Gepflegt, gebildet und dienstfertig, sind die beiden bereit, sich freiwillig in ein Herr-Knecht-Verhältnis zu begeben. Die beiden Paare vereinbaren eine Probephase. Nach anfänglichen Schwierigkeiten finden die Müller-Todts zunehmend Gefallen am Verwöhnprogramm ihres neuen Hauspersonals und wähnen sich im Paradies. Doch das Blatt wendet sich! Als sich im Garten immer mehr billige Arbeitskräfte für den von Bartos angeregten Poolbau tummeln, gerät die Situation zunehmend außer Kontrolle…

Sklaven gefällig? Aber ja, doch! Mit HERRliche Zeiten stellt Oskar Roehler („Quellen des Lebens“) hoch amüsant Fragen nach Schein und Sein, Freiheit, Moral und Menschenrechte auf einen perfiden und unterhaltsamen Prüfstand. In den Hauptrollen spielen Katja Riemann („Mängelexemplar“) eine Frau in einer Sinn- und Lebenskrise, Oliver Masucci („Er ist wieder da“) ihren Mann, der die Dinge wesentlich leichter nimmt und Samuel Finzi („SMS für Dich“) den belesenen und gebildeten Diener, der sich mit seiner attraktiven Frau Lana, gespielt von Lize Feryn („A real Vermeer“) in der Villa seiner Herrschaft einnistet. In weiteren Rollen: Andrea Sawatzki, Margarita Broich, Yasin El Harrouk, Jan Henrik Stahlberg u.v.a.

Das Drehbuch zu der bissigen Satire stammt von Jan Berger („Der Medicus“), für die Kamera zeichnet Carl-Friedrich Koschnick („Quellen des Lebens“) verantwortlich. Produziert wurde HERRliche Zeiten von Jutta Müller, Molina Film in Koproduktion mit der Tele München Gruppe, unter Beteiligung von WDR (Barbara Buhl, Götz Schmedes) und Arte (Andreas Schreitmüller). HERRliche Zeiten wurde gefördert durch die Film- und Medienstiftung NRW, DFFF, BKM und Medienboard Berlin Brandenburg.

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